Jorgitos Log:

Objektive Medien?

Fortsetzung der Analyse über die Diskursstrategie der "alternativen" Portale El Toque und El Estornudo.

Jorgito Jerez Belisario

Die Kubanische Revolution schreibt unglaubliche Geschichten.
Jorge Enrique Jeréz Belisario kam 1993 mit einer schweren spastischen Lähmung auf die Welt. Er selbst sagt, dass es Jorgito el Camagüeyano nur deshalb heute noch gibt, weil er unter der schützenden Hand der Revolution aufwachsen konnte. So verwirklicht er heute seinen Lebenstraum und arbeitet als Journalist.
Jorgito war einer der wichtigsten Aktivisten im Kampf für die Freilassung der »Cuban Five«. Besonders verbunden ist er Gerardo Hernández, dessen Rückkehr nach Kuba er im Dezember 2014 feiern durfte. Der Dokumentarfilm »Die Kraft der Schwachen«, der Jorgitos Leben erzählt, ist über die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba erhältlich.
Jorgito bloggt regelmäßig auf http://jorgitoxcuba.wordpress.com/.
Die CUBA LIBRE ehrt er mit einer regelmäßigen Kolumne.


Jeder Diskurs ist ein Szenario mit Teilnehmern, die verschiedene Rollen spielen und bestimmten Handlungen. Daher muss eine Forschung, die den Diskurs untersuchen will, auch die sozialen, politischen und kulturellen Funktionen des Diskurses in der Gesellschaft insgesamt berücksichtigen. Mit einer Haltung der Opposition und der Dissidenz gegenüber denjenigen, die Texte und Aussagen missbrauchen, um ihren Machtmissbrauch zu etablieren, zu bestätigen oder zu legitimieren, verleugnet die Diskursanalyse im Gegensatz zu vielen anderen Wissensgebieten ihre eigene gesellschaftspolitische Position nicht, sondern definiert und verteidigt diese ausdrücklich.

Um aktuelle Medienkampagnen zu beschreiben ist die Kritische Diskursanalyse daher ein wichtiger Bezugspunkt, um die Strategie der Medien gegen das System zu enthüllen. Diese – gekennzeichnet durch eine scheinbare Objektivität – stellt eine vermeintliche materielle Interessenslosigkeit und gleichzeitig das Laissez-faire der alten Strategie der politischen Machtübernahme als aktuelle Praxis der politischen Kommunikation dar.

El Toque befasst sich hauptsächlich mit sozialen Themen, wobei der Schwerpunkt auf den in der Gesellschaft bestehenden Ungleichheiten und Diskriminierungen liegt. Die Seite beleuchtet Themen wie männliche Prostitution, Homophobie, die wirtschaftliche Lage des Landes, den vermeintlichen Niedergang des Baseballs in Kuba und Fragen im Zusammenhang mit übergelaufenen Baseballspielern, Wahlen auf der Insel und dem Gerichtsprozess gegen Luis Manuel Otero (Performancekünstler und Mitbegründer der oppositionellen San-Isidro-Bewegung, die Redaktion).

El Estornudo befasst sich mit kultur- und kunstgeschichtlichen Themen und nimmt auch kritisch Bezug auf das gesellschaftliche Leben im Land, indem die Seite mehr als einmal die Wahlen in den Vereinigten Staaten und den von Donald Trump vollzogenen Wandel in der Kuba-Politik, das Abschneiden der kubanischen Nationalmannschaft bei den Third World Baseball Classic, die Presse in Kuba und ihren Unterschied zu dem damals entstehenden privaten Mediensystem thematisiert.


Beide widmen mehrere Texte dem damaligen Ersten Vizepräsidenten des Staats- und Ministerrats, Miguel Díaz-Canel Bermúdez.

Es gibt Themen, die in beiden Medien mit ähnlichen Nuancen behandelt wurden: Obamas Besuch in Kuba, der Tod von Fidel Castro, die kubanische offizielle Presse und das Aufkommen neuer digitaler Medien, die ständigen Niederlagen des kubanischen Baseballs auf der internationalen Bühne. Diese Themen wurden als Beispiele genutzt, um die Theorie vom Niedergang des sozialen Systems in Kuba zu untermauern.

Die thematische Auswahl wird von beiden Medien geschickt vorgenommen und hat als gemeinsame Achse, dass die Probleme von einem offensichtlichen politischen Zentrismus aus angegangen werden. Die Aufzählung, was der kubanische Staat unterlassen hat, um sie zu lösen, fehlen dabei nicht. All dies steht im Einklang mit dem politischen Kontext der Annäherung, der die Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten insbesondere im Jahr 2016 geprägt hat.

Durch diese Themenauswahl richten El Toque und El Estornudo die Aufmerksamkeit ihres Publikums auf bewusst ausgewählte Sachverhalte. So werden die Forderungen bestimmter sozialer Gruppen verstärkt und kanalisiert und vom kubanischen Staat und der Regierung Aufmerksamkeit und Lösungen gefordert – so als ob diese sich diesen Problemen nicht von allein bewusst wäre.

In beiden Medien überwiegen pessimistische Töne über die kubanische Realität.

Die Behandlung des Themas Kuba in den Meinungsgenres von El Toque und El Estornudo wird durch die Reproduktion bestimmter diskursiver Strategien beeinträchtigt. Diese offenbar klar ideologische Positionen stimmen nicht mit dem scheinbar nicht-konfrontativen Diskurs überein, den sie als Eintrittskarte verwenden.

Eine weitere Strategie der ideologischen Reproduktion in den analysierten Werken war die negative Wortwahl, insbesondere um die kubanische Realität zu beschreiben. El Toque verwendete 2017 sieben Mal negative Begriffe, um sich auf die revolutionäre Presse zu beziehen: "...warum geben sie sich nicht die Chance, mehr wie das Land zu sein, in dem sie leben; warum das dumme Schweigen, die ständigen Auslassungen, die Kluft mit der Realität, die ihre Öffentlichkeit lebt".

El Toque (2017) hinterlässt in "Tengo derecho a decir" (Ich habe das Recht zu sagen) eine sehr offensichtliche Verallgemeinerung, die eine entpolitisierte kubanische Gesellschaft und vor allem eine entpolitisierte kubanische Jugend präsentiert, passend zu der Kluft zwischen der kubanischen Gesellschaft und den Herrschenden, die sie aus dem Diskurs heraus zu errichten versuchen: "Letztlich ist die Entpolitisierung der Gesellschaft und insbesondere der Jugend funktional für das System, sie ermöglicht die Aufrechterhaltung des Status quo, legitimiert und reproduziert die etablierte Ordnung, sie stellt sie nicht in Frage."

El Estornudo, ebenfalls aus dem Jahr 2017, verallgemeinert die angebliche Unzufriedenheit mit der Verwaltung der Insel durch die Regierung und deren Handlungen nach dem Durchzug des Hurrikans Irma. Wie bereits in dieser Untersuchung analysiert wurde, bestand eine der grundlegenden thematischen Achsen dieser digitalen Websites darin, die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu verwalten und gegen die Regierung zu lenken, indem Lücken gesucht wurden, die zu Konfrontationen und Widersprüchen führen würden, um die Einheit zwischen Volk und Regierung zu brechen.

In Bezug auf die Darstellung der Einheit geschieht etwas Besonderes. Sie wird in Bezug auf diese Gruppe von Medien "neuen Typs" verwendet, wie sie sich selbst nennen, und es wird die Vorstellung vermittelt, dass sie Teil eines Ganzen, eines Systems sind. Dies erklärt, dass sie Teil einer medienübergreifenden Strategie gegen Kuba sind, die darauf abzielt, so viele Interessenslagen wie möglich abzudecken.

Um ihre Positionen zu legitimieren, verwenden diese Medien Argumentationsketten, die den Leser dazu bringen sollen, das aktuelle kubanische politische Modell als Diktatur zu bezeichnen.

Was die Simulation betrifft, so zeigt sich die Strategie der Änderung von Begriffen wie dem von El Toque (2017) verwendeten, um einen Dualismus zu konstruieren, in dem sich in Kuba angeblich zwei Seiten gegenüberstehen: "Funktionalismus und politische Opposition". El Estornudo (2017) bezog sich auf die offiziellen kubanischen Medien, indem er sie als "Propagandaapparat des Staates" bezeichnete.

Auch die Euphemisierung ist sehr präsent, im Wesentlichen in Form von Metaphern, Ironien und Metonymien, wie zum Beispiel diese Metapher: "Wie Ameisen vor dem Regen verschwinden, ist das Verschwinden der Bücher ein weiteres Symptom der schwindelerregenden Transformation, die die Stadt durchläuft".

Inmitten von Öffnungen aller Art innerhalb der kubanischen Gesellschaft und des Wirtschaftslebens des Landes, auch für den privaten Sektor, bekräftigt El Estornudo (2017) die Idee, dass es möglich ist, das dieser Prozess aufgehalten würde, weil Verbote in Kuba ewig seien: "... mit einem partizipativen Tauwetter, bis jemand von einer Mücke gestochen wird, es ihnen einfällt, dass wir zu weit gegangen sind und sie wieder anfangen, zu verbieten".

Ein Text von El Estornudo mit dem Titel "Fake News" ist nicht nur ein offener Aufruf zum zivilen Ungehorsam im Land, sondern impliziert auch eine Verallgemeinerung der Ausweisung von Studenten aus dem kubanischen Hochschulwesen, was geeignet ist, eine Vorstellung von einem Land zu vermitteln, in dem es keine bürgerlichen und politischen Freiheiten gibt.

Der Diskurs der digitalen Plattformen El Estornudo und El Toque zeigt ihre ideologische Positionierung, ihre mangelnde Objektivität bei der Behandlung des Themas Kuba, die im Widerspruch zu ihrer eigenen Darstellung als alternative Medien steht, und mit Unterschieden in der diskursiven Analyse verwenden die beiden Websites ähnliche Strukturen und Strategien wie die, die seit Jahren vom traditionellen Anti-Kuba-Diskurs verwendet werden. Dies wird durch die Verwendung von Multimedia-, Hypertext- und Interaktivitätsressourcen verstärkt, die den geschriebenen Text unterstützen.

Beide Medien verwenden große Bilder, um den Leser anzulocken und ihm zusätzliche Informationen zu bieten, wobei zu berücksichtigen ist, dass eines der erklärten Ziele dieses privaten Mediensystems darin besteht, die jüngeren Generationen in Kuba zu erreichen, die sehr visuell sind und diese Art von Inhalten besser aufnehmen. Sie sind in der Regel düster, viele sind schon von der Bildkomposition her konstruiert und vermitteln einen Mangel an Perspektiven für Lebensprojekte und Möglichkeiten für junge Menschen, einen Mangel an Klarheit über die Zukunft des Landes.

Die Strukturen, die von El Toque und El Estornudo bei der Konstruktion des journalistischen Diskurses über Kuba in den Jahren 2016 und 2017 verwendet wurden, waren durch die Hybridisierung journalistischer Gattungen, das Vorhandensein von Adjektiven, rhetorischen Figuren, Propositionen und subtilen formalen Strukturen gekennzeichnet, die eine ideologische Positionierung gegen die kubanischen Revolution offenbaren, auch wenn diese Medien ihre wahren diskursiven Absichten verbergen.

Durch die verwendeten Strategien wurde das Thema Kuba auf diesen digitalen Plattformen mit Bedeutungen und Stereotypen versehen, die dem Kontext, in dem sie entwickelt wurden, angepasst werden. Negative Lexikalisierung, Verallgemeinerungen, negative Vergleiche und Vorannahmen waren die Mittel, die El Toque und El Estornudo bei der Konstruktion ihres journalistischen Diskurses am häufigsten verwendeten. In ähnlicher Weise trugen die Argumentationsstrategien und die Lüge durch Diskurs zur Darstellung des Themas "Kuba" in diesen digitalen Medien bei. Von den Webressourcen, die zum Aufbau des Diskurses beitrugen, stach der bewusste Einsatz von Hypertextualität, Multimedia und Interaktivität hervor, die entscheidend dazu beitrugen, die kubanische Öffentlichkeit zu erreichen. Was den ideologischen Ansatz anbelangt, so wurden in den analysierten journalistischen Arbeiten die fünf von Thompson vorgeschlagenen Funktionsweisen der Ideologie mit ihren jeweiligen Herrschaftsstrategien identifiziert, darunter Substitutionen, Euphemismen, Verewigungen und Differenzierungen, die jede Verpflichtung zur Objektivität der Veröffentlichungen ausschließen.

Die Generierung von Inhalten gegen Kuba und sein Gesellschaftsprojekt nimmt sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes zu. Daher ist es notwendig, die interne Struktur des Diskurses, die sich manifestierenden Handlungen, die kognitiven Prozesse, die sozialen und kulturellen Bedingungen, die Interessen der an den kommunikativen Akten Beteiligten sowie die soziokulturelle Dimension der Sprache zu analysieren.

CUBA LIBRE Jorge Enrique Jerez Belisario
Übersetzung: Tobias Kriele

CUBA LIBRE 4-2023